Der Lockruf

Neuauflage

Nach Italien reisen zu müssen, hat mich völlig durcheinandergebracht. Ein guter Kunde hatte mich aber um einen Gefallen gebeten. Ich sollte einige Bücher im Besitz eines alten Freundes, eines gewissen Dr. Raven, begutachten, gegebenenfalls erwerben und später das eine oder andere restaurieren. Billa war der Meinung, die Abwechslung würde mir gut tun – vor Abwechslungen und fremden Orten fürchte ich mich aber, das sollte Billa eigentlich wissen. Andererseits konnte ich es mir nicht leisten, einen solch einträglichen Auftrag abzulehnen – womit sie natürlich recht hatte. Und so war ich mehr oder weniger gezwungen anzunehmen, wollte aber nicht länger als drei Tage bleiben. Dass ich die Abreise verschoben habe, ist, wie gesagt, die Folge des unvorhergesehenen Zimmertausches und dessen, was ich in dem Zimmer gefunden habe. Mehr darüber später.

 

Ich möchte versuchen, chronologisch vorzugehen, wenn auch die Geschehnisse, von denen ich berichten will, so beschaffen sind, dass man sie ohne weiteres falsch einordnen, verwechseln und sogar für unglaubwürdig halten könnte. Umso mehr werde ich mich bemühen, meinen Hang zur Übertreibung oder aus Schamgefühl, Peinliches zu vergessen, nicht nachzugeben. Hoffentlich gelingt es mir! Mein größtes Problem wird die Zeit sein, verständlich aber, wenn man bedenkt, wie viel seitdem passiert ist. Woran ich mich genau erinnern kann, ist, dass ich an einem Dienstag nach Italien geflogen bin. Wie lange das her ist, weiß ich nicht mehr. Diese Ungenauigkeit ist aber unbedeutend.

 

In Rom angekommen fuhr ich mit dem Zug weiter nach Neapel. Um Geld zu sparen, nahm ich dort kein Taxi und schlug mich mit Bus und Bahn durch, hoch nach San Martino, wo sich mein Hotel befand - in diesem Viertel ist übrigens meine Mutter aufgewachsen. Eine ermüdende und langwierige Fahrt. Umso froher war ich über das unerwartete schöne Quartier. Anstatt des üblichen stiefmütterlichen Einzelzimmers mit Dusche standen mir zwei Räume und ein großes Bad zur Verfügung. Sogar ein Balkon gehörte dazu, von dem man ein einmaliges Panorama genießen konnte. In der Ferne sah ich das Meer und den Vesuv, rechts die Villa Floridiana, eine große Parkanlage. So kannte ich diese Stadt nur von Postkarten. Als mein Urgroßvater noch lebte, verbrachten wir jedes Jahr Weihnachten bei ihm. Die wenigen Erinnerungen, die ich daran habe, als ich sieben war, verstarb er, sind die an ein stilles Hauses mit einem von hohen Mauern umschlossenen Garten, den ich nie verlassen durfte. Jetzt blickte ich aber auf eine grenzenlose Weite, in Licht eingetaucht, Farben und Düfte eines verfrühten Sommers, der unter meine Kleidung kroch und mich wie ein warmer Körper berührte. Dabei schien nicht nur meine Haut zu erwachen. Zum ersten Mal seit langem spürte ich eine sehnsüchtige Freude und eine prickelnde Unruhe, die mich, ganz gegen meine Gewohnheit, auf die Straße trieben. Normalerweise laufe ich nicht gern durch Weltstädte. Sie sind so von Geschichte, Schönheit und Eleganz erfüllt, dass ich mir meiner Mittelmäßigkeit bewusst werde.Mein Aussehen, die Kleidung, sogar meine Art zu gehen, missfallen mir dann. Meine Körperlichkeit befremdet mich, wie wenn ich Fotos von mir ansehe. Umso verwunderlicher ist es, dass ich an diesem Nachmittag, bis zu meiner Verabredung, nur unterwegs gewesen bin. Pünktlich um fünf stand ich in der Via Scarlatti vor einem alten Palazzo im Liberty-Stil mit acht Stockwerken, der aussah, als wäre er nach und nach in alle Richtungen gewuchert.

 

Ein Hausmeister, angezogen wie der Portier eines Grand Hotels, fragte mich, zu wem ich wollte. Zwischen uns stand ein imposantes schmiedeeisernes Tor, breit und hoch genug für die Kutschen früherer Zeiten. Selbst ein zweistöckiger Bus hätte bequem hindurchfahren können. Ich stellte mich vor und sagte so akzentfrei wie möglich: »Dr. Raven erwartet mich.« Trotz aller Bemühungen meiner Mutter beherrsche ich die italienische Sprache nicht so perfekt wie Deutsch. Erst nachdem der Mann sich telefonisch erkundigt hatte, wurde ich hineingelassen. Er begleitete mich zu einem von diesen nachträglich eingebauten offenen Aufzügen, die wie prächtige Käfige aussehen, und schickte mich hoch in den letzten Stock. In einer solchen Umgebung hätte ich mich nicht gewundert, wenn Dr. Ravens Tür von einem livrierten Diener geöffnet worden wäre. Doch er machte sie selbst auf. Im spärlichen Licht der fensterlosen Diele hielt ich ihn im ersten Moment für einen Mann in meinem Alter, ungefähr um die vierzig.

 

»Herr Menzel?« Er streckte mir gleich die Hand entgegen. Sein Griff war, genau wie meiner, ein wenig zu weich. Als ich das mit Abscheu bemerkte, machte ich den Versuch, fester zuzudrücken. Er entzog mir aber seine Hand mit einer unangenehm flinken Bewegung. »Hatten Sie eine gute Reise?«

»Ja, danke.«

»Wir gehen am besten gleich in die Bibliothek. Wenn Sie mir bitte folgen wollen.«

Erst dort sah ich, dass er älter war, vermutlich weit über sechzig, und allein durch seine schlanke Figur und das auffallend dunkle Haar jünger wirkte. Wir befanden uns in einem Raum mit Deckenmalereien, antiken Bücherregalen und einem schmalen, langen Tisch in der Mitte, auf dem die in Frage kommenden Bücher bereitlagen. Mein Blick streifte sie nur kurz, völlig eingefangen von etwas anderem, einem Ölbild, das beinahe eine ganze Wand bedeckte, mit einem Barockrahmen, der mich an Museen erinnerte. Ich hatte noch nie zuvor so etwas Kraftvolles und Aufregendes gesehen! Inmitten von züngelnden Farbspielen liefen Hunderte von Frauen, ähnlich wie die winzigen Figuren, die puppi, in den Carceri von Giovanni Battista Piranesi, über eine Unzahl von Treppen und Gängen, die sich in zerbrechlicher Verstricktheit in der Höhe verloren. Der Stoff ihrer Kleider, der Mode nach aus dem achtzehnten Jahrhundert, war so perfekt ausgeführt, dass ich den Eindruck hatte, wenn ich sie berührte, würde ich unter meinen Fingern zarten Musselin, luftige Gaze, schweren Samt, Atlasseide und sizilianischen Brokat spüren.

 

Dr. Raven entschuldigte sich kurz. Ich trat näher an das Bild heran und schaute mir jede einzelne Frau genauer an. Seltsamerweise wandten sie alle dem Betrachter den Rücken zu, bis auf eine, kaum größer als eine Miniatur, in leuchtend weiße Spitze gekleidet, mit einem auffälligen Blumenkranz in den Haaren und von unbeschreiblicher Schönheit. Ich war so in das Bild vertieft, dass ich Dr. Raven nicht zurückkommen hörte und zuckte zusammen.

»Ungewöhnlich, nicht wahr?« Er stand dicht hinter mir. Ich gab ihm recht und fragte, von wem es sei. Er nahm einen Spazierstock aus einem Ständer und deutete damit genau auf jene zentrale Figur mit dem einzigen erkennbaren Gesicht.

»Von ihr, Katinka, einer Frau so schön wie eine Göttin von Botticelli. Sehen Sie die Ähnlichkeit auch?«

»Ja, sie ist verblüffend.«

»War, Herr Menzel, war. Leider wird sie nie wieder so aussehen. Eine eifersüchtige Göttin hat dafür gesorgt.«

»Wie soll ich das verstehen?«

»Sie als halber Neapolitaner kennen bestimmt die Legende von der Halbinsel Megaride.«

»Sie meinen die Geschichte von der Sirene Parthenope und der Entstehung Neapels?«

»Nein, die von Lucullo, der die Insel kaufte und dort mit einer Frau lebte, deren Liebreiz auch die standhaftesten Männer nicht widerstehen konnten. Grausamer als eine Sirene und betörender als die Göttin der Schönheit selbst verführte Servilia alle und lachte bloß über sie. Das konnte Venus natürlich nicht zulassen. Rasend vor Eifersucht befahl sie einem ihrer Geliebten, die Rivalin zu töten. Und so sandte Neptun einen furchtbaren Sturm, der die Frau und die ganze Insel Megaride verschluckte.«

Herr Raven hielt inne, und da ich wissen wollte, was mit Servilias Mann passiert war, sagte ich: »Und Lucullo?«

»Lucullo? Er war in seiner Villa bei Frascati. Als er die Nachricht vom Tod seiner Frau erhielt, trank er und aß zu Ehren der Götter.«

»Mehr nicht?«

 

Dr. Raven schaute immer noch auf das Bild. Meine Neugier für die Malerin war natürlich größer, und so fragte ich, was mit ihr geschehen sei. Seine Antwort, sein unsteter ausdrucksloser Blick, die fehlende Anteilnahme und die Wahl der Worte ließen mich erschaudern. »Ein dummer Unfall hat sie für immer beschädigt!«

Ich stammelte eine Entschuldigung, als sei ich dermaßen taktlos gewesen und vermied ab da, ihm in die Augen zu blicken. Schon nach so kurzer Zeit  wünschte ich diesen Mann nicht näher kennen zu lernen. Er dagegen schien es nicht eilig zu haben, mich loszuwerden. Anstatt mir die Bücher zu zeigen, ging er umher, den Stock noch in der Hand, dessen auffälliger Elfenbeingriff eine Frau mit dem Leib einer Schlange darstellte, und redete über fremde Sprachen und ferne Länder. Er war sehr stolz, acht Sprachen perfekt zu beherrschen und gab mir ständig Kostproben davon. Zumindest bei vieren konnte ich mithalten, was ihn überhaupt nicht beeindruckte, da es sich um die gängigsten handelte.

 

Erst gegen Abend hörte er auf zu erzählen, und ich durfte endlich zwanzig Bücher aussuchen, die er mir in den nächsten Tagen nach Deutschland schicken wollte, damit ich mich ›nicht mit dem Gepäck abplagen‹ musste. Bevor ich ging, erkundigte ich mich nach einer guten Pizzeria. Er empfahl mir ein Lokal nicht weit von meinem Hotel.