Das Hausmädchen mit dem Diamantohrring

Leseprobe

Der Steiffbaum
Der Steiffbaum

                              Eine Strickanleitung mit Folgen

1

 

Sonntagnachmittag. Wolkenloser Himmel über Frankfurt. Fast sommerliche Temperaturen. Zugvögel, die zurückgekommen  oder einfach geblieben sind und irgendwie falsch singen. Pflanzen, die erneut treiben. Das Summen von Vaters Stressless-Sessel im Wohnzimmer. Das Summen von verstörten Bienen, die anstatt im Bienenstock als Wintertraube eng zusammenzusitzen und konzentriertes Zuckerwasser zu schlürfen, die Reste von Bibas Kuchen naschen und in meinem Glas tot umfallen. Das ganze Szenario einer in Unordnung geratenen Natur und die Vorzeichen einer schon Ende November näher rückenden Weihnachtsfront. Dann die totale Okklusion.

 

Ein Schatten in Form einer Käseglocke breitet sich über meinen Liegestuhl aus: Mutter! Sie steht hinter mir, mit einer großen Tüte in der Hand.

»Sole, Schätzchen, ich möchte dir etwas zeigen.« 

Ab ins Auge des Taifuns! Nach der White Christmas singenden Fußmatte im letzten Jahr und dem Stethoskop mit Rentiergeweih im Jahr davor bin ich auf alles gefasst.

»Was ist es dieses Mal?«

»Schau selbst!«

Ich schaue. Es ist einer dieser Zwerg-Weihnachts-Spidermänner, die wie Diebe über die Balkone steigen, obwohl genügend Kamine zur Verfügung stehen.

»Na, wie findest du ihn?«

»Dick, rot und peinlich.«

»Papperlapapp, sag’ Biba, sie soll den Baum holen und die Truppe zusammentrommeln!«

 

Kein Entkommen, weder für mich noch für Mutters Spezialeinheit, meine Kuscheltiere, die jedes Jahr zwangsrekrutiert und zum Dienst am Baum abkommandiert werden, weil einzigartige Kinder einzigartige Bäume brauchen. Fünfundzwanzig Jahre mal

siebenundfünfzig Tiere, ausschließlich der Marke Steiff, macht eintausendvierhundertfünfundzwanzig hochqualitative, kindersichere Verlusttraumata, Depressionen, Alpträume und heute noch den unwiderstehlichen Drang, von Dezember bis zum Tag der Heiligen Drei Könige unter dem Weihnachtsbaum zu schlafen.

 

Ich gehorche meiner Steiff-Sergeant-Major-Mutter und gehe unsere Haushälterin rufen. Sie liegt völlig erschlagen in ihrem Zimmer und versucht das zu genießen, was vom Tage übrig bleibt. »Bibachen, es weihnachtet.«

»Waaas?«

»Ich denke, es heißt: Wie bitte.«

»Nicht sonntags, nicht in meiner Freizeit und nicht nachdem ich zwei Stunden gebraucht habe, um die Küche aufzuräumen, weil dein Vater unbedingt kochen und sie in ein Feldlazarett verwandeln musste. Und jetzt soll ich auch noch eine Razzia machen und die Steiffkaserne holen. Nein, nein und nochmals nein! Wirf’ deine Mutter in den Pool, sie kann ihren Dekorausch abschwimmen, zusammen mit diesem stinkenden Köter. Hier, nimm ihn!«

 

Der stinkende Köter, ein Yorkshire-Terrier namens Struppi, hat nie kapiert, dass er ein Geschenk meiner Eltern an mich gewesen ist. Er hängt nur an Biba und Biba hängt seit 25 Jahren nur an uns, was ihr das Recht gibt, sich einige Freiheiten zu nehmen. Das Recht

auf eine geregelte Freizeit hat sie aber nicht, ebenso wie ich als Nesthockerin nicht das Recht habe, Befehle zu verweigern, weil nach jedem ›Nein‹ ein Rausschmiss droht.

»Komm schon, Biba, ich helfe dir.«

»Warum ich? Was ist mit deinem Vater?«

»Kann nicht, dringende Telefonanrufe, angeblich.«

»In letzter Zeit telefoniert dein Vater viel zu oft. Wenn du mich fragst, an der Sache ist etwas faul. Und jetzt raus hier oder ich kündige!«

 

Ich lasse Biba in Ruhe und hole die Truppe und den Baum, stelle ihn auf, messe und kürze ihn, nach der Formel: Baumhöhe = meine Größe + mein Alter, denn seitdem ich kein Kind mehr bin, wachsen die Bäume nicht mit der Zahl der Kuscheltiere, sondern mit mir, was bei 1,75 m und 25 Jahren dieses Mal eine Höhe von genau zwei Metern ergibt. Mutter stürzt sich gleich auf die Kuscheltierkiste und sucht den Spitzenschmuck, Ninni, das Häschen mit den extralangen Ohren. Das Schmücken ist ihre Sache. Meine Sache ist es, mich mit Glühwein zu betäuben, während sie meine Lieblinge aufhängt. »Hör mal, Liebes!«, sagt sie. »Wir wollen endlich deinen Freund kennen lernen.«

 

Schrille Alarmglocken, aus der Kiste meiner nicht ganz unproblematischen Beziehungen! »Warum lädst du diesen Simon nicht am ersten Weihnachtsfeiertag zum Essen ein? Deine Cousine bringt auch jemanden mit, einen Ralf Soundso, einen ganz normalen Zahnarzt übrigens. Er soll Lillis furchtbares Gebiss endlich in Ordnung gebracht

haben, sagt Tante Hedi. Da bin ich aber gespannt. Sag mal, Sole, es wird wohl mit deinem Neuen nicht so schlimm werden wie mit diesem blinden Tierflüsterer, wie hieß er gleich? Na, egal, der Typ, der behauptet hat, unser Struppi hätte ihm erzählt, dein Vater würde

fremdgehen? … Aha! Da ist der Spitzenschmuck!« Sie steigt die Leiter hoch und rammt die Spitze des Baumes in Ninnis gemartertes Hinterteil.

 

Mein Lieblingshäschen gepfählt zu sehen, hat so wehgetan, dass ich der Einladung zugestimmt habe, aus bloßer Rache, denn Simon Bexter ist sogar für seine eigenen Eltern eine Enttäuschung. Anstatt in der dritten Generation Geigen zu bauen, tritt er mit einer Ukulele auf. Er ist ein Clown, ein Zauberer, ein Träumer, ein Minnesänger,

der Gedichte mit Feder und roter Tinte auf selbstgeschöpftem Büttenpapier schreibt und zu jeder passenden und unpassenden Gelegenheit verschenkt.

 

Und es kommt, wie es kommen muss: Simon hat sich nicht nur verspätet, er hat sich auch noch als Weihnachtself verkleidet.

»Oh Gott! Ich sagte, du sollst etwas Passendes anziehen.«

»Wieso? Passt das etwa nicht?«

»Doch, zur Tischdekoration.«

Er trägt eine glitzerndrote Auftrittsjacke und eine selbstgestrickte, rotweiß gestreifte Haar-Kompressionsmütze. Fünf dunkel gekleidete Kotilges, eine Haushälterin und ein Ralf

Soundso starren meinen Freund an, hungrig, leicht verärgert und vielsagend sprachlos.

 

Die erste, die angestürmt kommt, um den stets gepredigten taktvollen Umgang mit Menschen anderer Art nicht zu praktizieren, ist meine artgerechte Cousine: »Ach du liebe Zeit, Sole! Hast du auch Santa Claus eingeladen?«

»Lilli! Sperr’ lieber den Mund nicht so auf! Dein Zahnarzt ist halb so gut wie er aussieht. Und pass bloß auf, dass du nicht wie Catherine Sloper endest!«

»Catherine Sloper? Wer ist das? Hat Ralf etwa ihre Zähne ruiniert?«

 

Den literarischen Hinweis auf den Roman von Henry James hätte ich mir bei jemandem, der nur Krimis liest, sparen können. Gerade als ich ihr eine Kurzfassung von der Erbin vom

Washington Square geben will: reiche, hässliche Frau verliebt sich in attraktiven Mitgiftjäger, nimmt mich Tante Hedi zur Seite.

»Sag mal, Schätzchen, womit wäscht der Junge bloß seine Haare?«

»Mit Viagra-Shampoo«, sagt Onkel Thomas, der Worte wie Pistolenkugeln benutzt, sparsam, aber gezielt.

 

Könnte nicht der Fassadenkletterer kurz über das Geländer springen, ein Maschinengewehr aus seinem Sack holen und meine Familie ein wenig zu Tode erschrecken? Ich werfe Simon einen hilfesuchenden Blick zu, und er wirft mir einen ›Keine-Sorge-ich-mach-das-schon-Blick‹ zurück und bringt es fertig, Biba wegen ihrer verschmorten Challans-Ente zu beruhigen, sich jedem vorzustellen, eine Blume für Mutter aus dem Nichts zu zaubern, mir die Zunge in den Mund zu stecken, eine Rolle Papier

aus meinem Haar zu ziehen und sie mir mit dem Kniefall eines Ritters der

Tafelrunde zu überreichen: »Hier, Prinzessin, mein Weihnachtsgeschenk: N° 5.«

 

Onkel Thomas kann es natürlich nicht lassen, etwas über Frösche und wirkungslose Küsse zu murmeln, und Lilli, die ihre Brille nur bei sich zu Hause trägt, was ästhetisch gesehen jedoch keinen Unterschied macht, will gleich wissen, ob der Parfüm-Klassiker gemeint sei, wobei Morris Townsend, alias der Mitgiftjäger, alias Ralf Soundso ihr sofort erklärt, dass es sich nicht um Chanel handelt, sondern bloß um ein Stück Papier.

»Papier? Du meinst, er hat ihr einen Gutschein geschenkt?«

Typisch Lilli! Als ich ihr sage, das Stück Papier in meiner Hand sei kein Gutschein, keine Aktie und auch kein 1000-Euro-Schein, sondern ein Gedicht, wedelt sie gleich mit ihrem haarigen, Gucci bereiften Arm vor meiner Nase.

»Oh, wie originell! Hier, schau, was ich von Ralfi bekommen habe!«

 

Lillis ewiger Konkurrenzkampf! Seit dem Kindergarten schlägt sie mich, mit solideren Sandkuchen, besseren Noten, null Pubertätsproblemen, einem in Rekordzeit abgeschlossenen Wirtschaftsstudium und Freunden, die Designeranzüge tragen und 500-Euro-Uhren schenken. Aargh! Am liebsten möchte ich ihre kotilgischen Haare – schwarz, kurz, stumpf und störrisch – mit den Scherben einer zerbrochenen

Weihnachtskugel shampoonieren, wenn auf dem verdammten Baum eine zu finden gewesen wäre.

 

Auf einmal spricht jeder über seine Geschenke, sogar Vater, dem ein Fußmarsch zum Feldberg lieber als ein Gang über die Zeil ist und der Schenken für einen unfairen Tausch hält, weil er für Steine und Metall immer nur Stoff und Leder bekommt.

»Absolut stabil!«, gibt er mit seiner Boxcalfledertasche mächtig an, was vermutlich zur Folge haben wird, dass es in den nächsten Jahren nichts als Schlafanzüge gibt.

 

Nach ihm ist Tante Hedi dran. Sie nimmt uns auf eine spannende Exkursion mit, durch das Land der Espressomaschinen mit Cappuccino-Aufschäumer, Brotbackautomaten, Dampfreinigern und Wasserentkalker – die Frau weiß ganz genau, wie man Menschen

langweilt. Bei der Beschreibung ihrer neuesten Elektroschocker, ergreife ich die Flucht. Ich komme nicht weit. Mutter pfeift mich zurück: »Sole, wo willst du hin? Möchtest du uns nicht Simons Geschenk … vorlesen?«

 

Simon, der ohne Publikum nicht leben kann, reißt sich natürlich gleich um den Job. Mit einer aus dem Hosentaschenfundus gezauberten Mundharmonika in der Hand peilt er die Mitte des Zimmers an. Das ist ungeheuer wichtig, sagt er. Man muss immer zentral im

optischen Mittelpunkt der Zuschauer stehen, um Täter zu sein. Wenn man sich zwei Drittel vorne rechts hinstellt, läuft man Gefahr, Opfer zu werden. Eine Zuckerstange mit Haaren wie Tina Turner vor einem blinkenden Weihnachtsbaum voller Haus-, Wald- und Wiesentiere, in einem Raum mit lauter praktisch orientierten, korrekt angezogenen, gehässigen, unsensiblen Menschen, hat aber keine Chance, ganz egal, wo sie steht. Nach dreißig spannungssteigernden Sekunden und einigen untermalenden Akkorden legt er los:

 

Durch dich, zwischen Menschen,

die Bachkieseln gleichen,

ward ich bewahrt vor Träumen

von gestern oder morgen.

Dein glänzend Antlitz

berauscht mich Tag um Tag,

so dass ich lächelnd durchstreife die Wüste.

 

Ich wusste es doch gleich: das wird eine öffentliche Hinrichtung. Kein Applaus, null Begeisterung und Mutters amusischer Kommentar: »Ganz nett.« Bevor ich sagen kann: »Verdammt, Mutter, seit einer Ewigkeit streifst du angetörnt durch die Wüste, begegnest rein zufällig jemandem mit dem gleichen verzückten Gesichtsausdruck, und was tust du?

Du hältst ihn für eine schlechte Fata Morgana«, kommt Gott sei Dank Biba mit einem Tablett voller Tranquilizer und nach zwei ›Before-Sparkling-Strawberry-Drinks‹ halte ich die Klappe.

 

Kaum zu glauben, dass ich jedes Jahr so etwas über mich ergehen lasse. Weihnachten zu Hause ist wie eine Geburt. Während der Wehen schreit man: nie wieder! Danach vergisst man alles, auch zu verhüten.  Die nächste Wehe kommt am Tisch, ausgelöst durch Lilli, die mich mit einem sadistischen Grinsen fragt: »Schreibst du immer noch an

deiner Examensarbeit? Wie war der Titel gleich?« Seitdem meine Cousine sich mit zwei Jahren im Spiegel erkannt hat, zeigt sie vor allem für mich recht wenig Empathie, und weil die Natur sie nicht in ihr Gen-Veredlungsprogramm aufgenommen hat, muss sie regelmäßig ihren Frust an mir auslassen, meistens bei Familientreffen, ganz besonders an Weihnachten, pünktlich zur Vorspeise.

 

Nach der verlorenen Schlacht, Edelmetall gegen Papier, war dies die absolut falsche Frage.

»Erfolgsfaktoren im Luxusgütermarketing«, sage ich. »Aber vielleicht sollte ich das Thema wechseln und über das frühkindliche Spiegeltrauma als Ursache für narzisstische Persönlichkeitsstörungen schreiben.«

Simons Timing ist wieder perfekt. Zur Entspannung der  kritischen Lage gibt er eine kleine Demonstration seines Manipulationskönnens und lässt eine Dessertgabel, eine Olive

und zwei Tannenzapfen vom Tisch verschwinden und aus den Taschen von Ralf Soundso wieder auftauchen, der Flecken suchend und meine Mutter nachäffend sagt: 

»Nette Performance.«  

Nun ja, damit die Stimmung noch tiefer unter den Nullpunkt sinkt, gibt auch Lilli einen frostigen Kommentar zu Simons Kleidung ab:

»Nette Aufmachung.«

Simon: »Oh, vielen Dank! Die Mütze habe ich selbst gestrickt.«

Vater: »So, so, ein strickender, zaubernder Dichter.«

Mutter: »Oder ein zaubernder, dichtender Stricker.«

Onkel Thomas: »Bestrickend!«

 

Ich springe von der Bewusstseinsebene 20: Scham – dem Tod nahe (Tod = Null) – hoch zu Ebene 150: Wut. Wut kann nützlich, schädlich oder vernichtend sein. In meinem Fall bricht sie, zusammen mit Scham und den vielen Drinks, einen Damm und ich überschwemme die Gucci-Makrele mit einem 76er Chateau de Canterrane, packe dann Simon am Arm, ziehe

ihn hinter mir her und verlasse das Zimmer mit den Worten: »Euer Gehirn

ist grob gestrickt und voller Laufmaschen! Strickt euch ins Knie!«