DER LOCKRUF

Buchbesprechung

Ida Casaburi beweist mit dem virtuos komponierten Roman "Der Lockruf" ihr erzählerisches Können. Mit viel Fantasie und Kreativität hat sie einen surrealen Kosmos voller Rätsel und Merkwürdigkeiten geschaffen. Das ist unterhaltsam und zugleich Literatur auf hohem Niveau.

 

Das Buch hat mich von der ersten Seite an fasziniert. Die Inhaltsangabe ist unzulänglich, nicht zuletzt, weil es in "Der Lockruf" weniger auf die Handlung als auf die Komposition ankommt. Es gibt faszinierende Traumsequenzen in "Der Lockruf", und man könnte auch den gesamten Inhalt für einen Traum halten, denn die schrägen Figuren und die absurden,

geheimnisvollen Begebenheiten sind nicht von dieser Welt. Mit viel Fantasie und Kreativität hat Ida Casaburi einen surrealen Kosmos voller Rätsel und Merkwürdigkeiten geschaffen. Die melancholische Atmosphäre ist ungemein dicht. Immer wieder blitzen tragikomische Einfälle auf.

Erzählt wird die Geschichte in der Ich-Form von dem schrulligen Buchrestaurator Axel Gennaro Menzel. Nur einmal, in einem Brief seiner Ehefrau Billa, wird seine Perspektive relativiert. Erst am Ende versteht man, dass die ersten beiden Seiten und die letzten Kapitel eine Rahmenhandlung bilden.

 

 Eigentlich hätte ich diesen Bericht gleich schreiben oder zumindest mir Notizen machen müssen, denn selbst nach einer relativ kurzen Zeit besteht die Gefahr, dass Einzelheiten verloren gehen und durch Fantasie ersetzt werden.

 

[...] Das Logbuch von Kapitän Monnier liegt vor mir aufgeschlagen. Ich beabsichtige, mit meinem Schreiben genau an der Stelle zu beginnen, wo er aufgehört hat. Umso öfter ich seinen letzten Eintrag lese, desto mehr denke ich, dass es sich um Ereignisse handelt, die nicht nur mit dem Meer, dem Wetter und dem Schiff in Zusammenhang stehen. Und obwohl es verrückt klingt, denke ich sogar, dass sie etwas mit mir zu tun haben könnten. Inwiefern, weiß ich noch nicht. Möglicherwese werde ich es erst am Ende meines Berichtes erkennen. Sollte es mir gelingen, so weiß ich nicht, was mit mir geschehen wird.

 

Ida Casaburi lässt den Ich-Erzähler in "Der Lockruf" mit seiner Laienhaftigkeit kokettieren: An dieser Stelle halte ich es für sinnvoll, einige Angaben über meine Person zu machen, obwohl nicht anzunehmen ist, dass andere diese Aufzeichnungen jemals lesen werden. Ich bin kein Poet, und wie man sieht, auch kein begabter Schreiber.

 

 Anders als bei "Das Hausmädchen mit dem Diamantohrring" und "C wie Chiara, D wie Davonfliegen" orientiert sich Ida Casaburi nach ihrer eigenen Aussage bei "Der Lockruf" an den "strange stories" des englischen Schriftstellers Robert Fordyce Aickman (1914 – 1981).

 

Das an M. C. Escher erinnernde Titelbild der Taschenbuchausgabe passt sehr gut zu dem ebenso poetischen wie surrealen und geheimnisvollen Roman "Der Lockruf", mit dem Ida Casaburi ihr großes erzählerisches Können beweist.

 

Eines der besten Bücher, die ich in den letzten Wochen und Monaten las (und ich lese sehr viel).

 

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